100 Jahre Hochzeitstraum

Vor rund 100 Jahren kamen sie erstmals auf den Markt: Schlafzimmerbilder im Handtuchformat. Finanziell leistbar und angepasst an die Wohnungen der unteren bis mittleren Schichten. Also alle jene Zimmer in den Sozialbauten und privaten Eigenheimen, die – im Gegensatz zu herrschaftlichen 3,80 m Raumhöhe – die Decke nahezu in Griffweite haben.
Einer der Pioniere war der österreichische Künstler Hans Zatzka (1859-1945), der ab 1914 regelmäßig und zuweilen zwei Gemälde wöchentlich an Kunstdruckanstalten lieferte. Mit massentauglicher Kunst überbrückte er jene kargen Zeiten, die durch den Kanon geadelte Kunst bis heute kennzeichnet. Schlafzimmerbilder waren mit ihren profanen und religiösen Motiven „Kunst für Alle“ – lange vor Andy Warhol. In Massen wurden diese Bilder gekauft. Je nach Geldbeutel fiel der Rahmen mehr oder minder hochwertig aus und je nach persönlicher Vorliebe wurde ein religiöses Motive wie „Jesus am Ölberg“ oder weltliche Fantasien wie „Elfenreigen“ gewählt. Sie wurden zu Hochzeiten verschenkt und spätestens mit dem Tod der Besitzer angewidert von den Erben entsorgt. Inzwischen sind sie tatsächlich selten geworden. Da und dort haben die qualitätvollen Rahmen mit ihren noch schwer neu befüllbaren Maßen von ca.120×52 cm überlebt.

Eines davon in der Wohnung zu haben, ist übel. Eine ganze Menge davon auf einer Wand zu versammeln, ist hingegen ein Eyecatcher. Egal, über Geschmack und Spaß lässt sich nicht streiten. Spaß macht mir jedenfalls die Jagd nach diesen Bildern und deren Aufsehen erregenden Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln. Reinigen und Restaurieren kann hingegen mühselig werden. Die Krönung ist allerdings, wenn spannende Informationen wie z. B. Datierungshinweise auf den Bildern zu finden sind. Die ramponierte Rückseite des neu erworbenen Hochzeitstraumes musste erneuert werden – offensichtlich nicht zum ersten Mal. Eine Zeitung mit obskuren und verhetzenden Meldungen wurde zum terminus ante quem. Der Öldruck sollte also älter als die zur Festigung verwendete Zeitung sein, wenn man davon ausgeht, dass Tageszeitungen nicht jahrelang herumliegen. Mit einem verstümmelten Hinweis auf den 11. November war jedenfalls nicht viel anzufangen – aber mit den restlichen Meldungen.

Eine Oberrechnungsratswitwe kann es nur in Österreich geben, ebenso wie man nur auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Grab einer Hausbesitzerswitwe finden kann. Die österreichische Frau wurde am Erreichten des Mannes definiert. Viel hat sich seither nicht geändert. Noch heute wird in ländlichen Gemeinden eine Frau oft nur dann mit „Frau Doktor“ angesprochen, wenn ihr Ehegatte ebenfalls einen Doktortitel hat oder sie tatsächlich Ärztin (!) sein sollte.

Steuerhinterziehung in die – wie ja auch nicht anders zu erwarten – an Geld und Einfluss Reichen der Zeit verwickelt waren. Darunter möglicherweise auch der Weihbischof von Paris und spätere Kardinal Baudrillat. Das in den Steuerskandal Großunternehmer und hochrangige Offiziere verwickelt sein sollen, verwundert nicht. Schönreiche Unverantwortungsträger, die im Auftrag der Schwiedermutter in die Schweiz reisen, haben schließlich auch einen diplomatisch unberührbaren Aktenkoffer dabei.

Ein hetzerischer Artikel macht den Zeitgeist in besonders hässlichen Braunschattierungen deutlich und lässt zunächst an ein späteres Erscheinungsdatum der Zeitung denken. Schließlich verkaufte Österreich sich immer als erstes Opfer und den gewählten „Anschluss“ 1938 nicht als überwältigend mehrheitliche Geisteshaltung. Das hier erwähnte „Braune Haus“, war die Wiener Parteizentrale der NSDAP. Sie war von 1931 bis 1933 im 6. Wiener Gemeindebezirk, Hirschengasse 25, untergebracht. Ab März 1932 wurde dieser Standort Adolf-Hitler-Haus umbenannt, da die Bezeichnung „Braunes Haus“ der Parteizentrale in München vorbehalten bleiben sollte. Der Schreiber bevorzugt vermutlich aus Gründen der Bekanntheit den braunhäusigen Begriff als den parteilich gewünschten. In Anbetracht des Tränengasanschlags auf das Kaufhaus „Gerngroß“ im Dezember 1932, bekommt der Artikel eine besondere Dimension des Grauens.

Der entscheidende Hinweis für die erste Reparatur des Bildes ergab sich durch die schon etwas mitgenommenen Rubrik „Tonfilm“. Die Verfilmung von Franz Lehars „Friederike“, damals als Tonfilmoperette bezeichnet, kam im Januar 1933 in die Kinos.

Das Bild muss ja schon einige Jahre eine Wand geziert haben, bis die Rückseite mit einem Zeitungsrest beklebt wurde. Ein Profi war dabei jedenfalls nicht am Werk. Auch der Grund für das Aufkleben ist nicht (mehr) erkennbar. Von der Wand ist dürfte das Bild nicht gefallen sein, denn der schicke Jugendstilrahmen ist gut erhalten – obwohl die Vergoldung unter Putzattacken gelitten hat. Eine Datierung anhand des Makartstils und des historisierenden Ambientes sowie des weiblichen Erscheinungsbilds alleine, wäre jedenfalls nicht gut möglich.
Dieser Öldruck wurde irgendwann ab ca. 1914 gekauft und Anfang des Jahres 1933 mit der Zeitungsseite beklebt, um schließlich 2012 auf einem Flohmarkt inklusive seiner verborgenen historischen Informationen neu entdeckt zu werden.

Übrigens, die Originale erzielen bei Autionen Preise von denen Hans Zatzka nur träumen konnte. Bilder von Hans Zatzka erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit. Alelrdings sind Reproduktionen weitaus erschwinglicher.

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