300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur

Christoph Thun-Hohenstein, Rainald Franz (Hg.)
300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur / 300 Years of the Vienna Porcelain Manufactory
Arnoldsche, Stuttgart 2018
ISBN 978-3-89790-530-6

 

 

Die glücklose Manufaktur

Heute sind die bezaubernden Produkte der Wiener Porzellanmanufaktur begehrte Sammlerstücke. Zu Beginn ihres Bestehens war der -­ nach Meissen – zweiten in Europa gegründeten Porzellanmanufaktur jedoch kein wirtschaftlicher Erfolg vergönnt. Claudius Innocentius Du Paquier und seine drei Mitgründer hatten sich 1718 bei der Standortwahl verkalkuliert und sowohl den Markt als auch die möglichen Förderungen falsch eingeschätzt. Trotz der hohen Qualität der Produkte kämpfte die Manufaktur von Anfang an mit Absatzschwierigkeiten. Die Wiener Bürger konnten sich das teure Porzellan nicht leisten und die Patronanz des Adels blieb bescheiden. Bereits 1720 verließen der aus Meissen abgeworbene Werkmeister, einer der Gründer und der wichtigste Maler die Manufaktur. Bis 1724 versuchte Du Paquier erfolglos das Unternehmen zu verkaufen. Es begann ein Teufelskreislauf aus Zahlungsschwierigkeiten, der Aufnahme von Darlehen und den Versuchen, durch Lotterien zum Absatz der Porzellane Geld aufzutreiben. Du Paquier gelang es jedoch nicht, sich von der hohen Schuldenlast zu befreien.

Im Jahr 1744 wurde die Manufaktur schließlich von der Hof-Banco-Deputation übernommen und gelangte so in kaiserlichen Besitz. Nichts beflügelt das Interesse so sehr wie die Gefahr, Verluste selbst tragen zu müssen. Für die Kaierliche Porzellanmanufaktur begann es bergauf zu gehen. Die Einführung des Bindenschildes kam einem erfolgreichen „rebranding“ gleich. Der Absatz des Wiener Porzellans wurde durch Schutzzölle, Handelsprivilegien und den Ausbau des Vertriebsnetzes gefördert. Durch eine Geschenksendung von Kaffeebechern an den Sultan in Konstantinopel gelang es, einen neuen, äußerst lukrativen Markt zu erschließen. Wohl dürfte sich der Staat als Unternehmer dennoch nicht gefühlt haben. Der Versuch die Kaiserliche Porzellanmanufaktur im Juli 1784 zu verkaufen misslang jedoch.

In den folgenden Jahren erfolgte der Abverkauf von Lagerbeständen bereits veralteter Ware, da mehr produziert worden war, als verkauft werden konnte. Die größten Erfolge feierte die Kaiserliche Porzellanmanufaktur ausgerechnet in jenem Jahrzehnt, das von den französischen Besetzungen Wiens 1805 und 1809 sowie dem Wiener Kongress geprägt wurde. Doch auch die Konkurenz ruhte nicht, sie bereitete dem Wiener Unternehmen zunehmend Kummer. Ein Hochwasser, ein Brand und Absatzschwierigkeiten der im Design nicht mehr den Zeitgeschmack entsprechenden, günstigen Massenware trugen ebenfalls zum Niedergang der Manufaktur bei. Im November 1866 schloss die Kaiserliche Porzellanmanufaktur. Der künstlerische Nachlass wurde bereits ab 1864 an das k. k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) übergeben.

148 Jahre Porzellanherstellung in Wien böten reichlich Stoff für eine detailreiche, als spannender Roman aufgemachte Story, die in dem Buch „300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur“ so leider nicht erzählt wird. Stattdessen wird das Schicksal der Porzellanmanufaktur übersichtlich nach Jahren geordnet in Stichworten abgehandelt.  Hinweise auf politische Ereignisse und die Gründungsdaten anderer Manufakturen ergänzen die Auflistung. Wie eine Schinkenscheibe sitzt diese Zeitleiste in einem stattlichen Buchsandwich zwischen einer Aufsatzsammlung und dem chronologisch geordneten Bildkatalog ausgewählter Objekte.

Spitzenleistungen und ihr Nachleben

Der Wiener Porzellanmanufaktur gelang es allen Widrigkeiten zum Trotz, Gegenstände von herausragender Qualität und bezaubernder Schönheit herzustellen. Drei der 14 in der Festschrift zum 300-jährigen Jubiläum der Firmengründung versammelten Aufsätze sind bedeutenden Meilensteinen der Wiener Produktion gewidmet. Die ursprünglich für ein Zimmer im Brünner Palais Dubsky angefertigte Ausstattung mit europäischen Porzellan gilt als das Hauptwerk der frühen Jahre der Wiener Porzellanmanufaktur. Der Zwettler Tafelaufsatz wurde als Geschenk für den Abt des Stifts Zwettel in Auftrag gegeben und verlieh im April 1768 einem Fest zu seinen Ehren weltlichen Glanz. Das Porzellanservice für den Duke of Wellington schließlich war eine politisch motivierte Gabe von Kaiser Franz I. an den Sieger der Schlacht von Waterloo 1815.

Weitere Aufsätze befassen sich mit den Reisen zweier Mitarbeiter der Wiener Porzellanmanufaktur. Joseph Jakob Ringler verließ Wien, um das Geheimnis der Porzellanherstellung zu verbreiten. Der Modelleur Johann Poysel hingegen war im 19. Jahrhundert zum Zweck der Weiterbildung unterwegs.

Da die Wiener Porzellanmanufaktur am Ende des 18. Jahrhunderts mehr Platz brauchte, wurde das „Hülfswerk von Engelhardtszell“ eingerichtet, dessen Geschichte ebenfalls in einem Artikel abgehandelt wird.

Die Porzellanproduktion erfolgte nicht in einem kulturhistorischen Vacuum. Sie zeigte sich lange  Zeit durch Vorbilder aus Ostasien beeinflusst und stand im Dialog mit dem Tischgeschirr aus Metall, wie zwei weitere Beiträge festhalten.

Den Themenreigen beschließen Aufsätze über die Bewahrer und Sammler, die für den Fortbestand des Nachlasses der Wiener Porzellanmanufaktur und ihrer Produkte sorgen.

Fazit

Das anlässlich  der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Wien, erschienene Buch 300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur bietet ein buntes Potpourrie an Beiträgen, die sich mit unterschiedlichem Tiefgang Aspekten der Wiener Firma, ihren Mitarbeitern und Produkten sowie dem MAK als bedeutendstem Bewahrer ihres Erbes befassen. Die farblich hervorgehobene Unternehmensgeschichte ermöglicht ein schnelles Nachschlagen wichtiger Daten und Ereignisse. Alle Texte sind zweisprachig Deutsch/Englisch. Augenfutter findet sich im stattlichen Bildteil. Dank perfekter Objektfotografie und großzügiger Abbildungsformate ist es ein Leichtes sich von der Qualtät und dem Charme des Wiener Porzellans selbst zu überzeugen.

© Christine Ranseder