Der Verriss

Besprechung, Kritik, Rezension 

Buchbesprechunhgen und Gastrokritik haben wesentliche Gemeinsamkeiten. Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist.
Wenn Klasse nicht erkannt wird, liegt es an der fehlenden Bewertungsfähigkeit.
Wer nur Würsteln kennt, kann nur Würsteln vergleichen. Immerhin eine solide Grundlage für einen objektiven Vergleich.
Wer Klasse hat, urteilt nicht über Würsteln, wenn er Würsteln hasst. Mit subjektiver Ablehnung wird ein objektiver Vergleich nur sehr schwer möglich sein.

Personalkritik bzw. Rezensentenbeurteilung bedeutet, sich zu überlegen, wer den Verriss geschrieben hat und vor allem warum. Ein Verriss macht mehr Mühe als eine überschwengliches Lob, er kostet Zeit und man kann sich gewaltig in die Nesseln setzen. Wobei beides – Lob und Verriss – erst zu einer Rezension wird, wenn zur Meinung auch eine textrelevante Begründung erfolgt.

Wenn ein Buch tatsächlich so grottenschlecht ist, lese ich es nicht (zu Ende) und schicke das Rezensionsexemplar zum Wohle des Verlages, der haushalten muss, und des Autors, der zufrieden bleibt, retour. Ich esse weder ein faules Ei auf noch mülle ich meine Bibliothek zu und unnötige Arbeit lade ich mir auch nicht auf.

Was bleiben also für Gründe übrig? Selbstdarstellung, Groupie(un)wesen, Wichtigtuerei und Auch-mitreden-wollen sind sicher einige davon, wenn so oder so lancierte Besprechungen ausgeschlossen werden dürfen. Andererseits mag es auch RezensentInnen geben, die ahnungslose Lesewillige rechtzeitig vor der Anschaffung des grottenschlechtesten Machwerks aller Zeiten warnen wollen.

Schlechte Kritiken können Bücher zum Bestseller machen oder einstampfen, bevor die Druckerschwärze trocken ist. Und manchmal kann man nicht einmal mehr ausmachen, wie das Eine zum Anderen führte. Es stellt sich wohl eher die Frage: Kann man die Wirkung einzelner Kritiken abschätzen – abgesehen von der verheerenden Wirkung auf die AutorInnen?

Textlich diskreditieren sich zuweilen schreibende LeserInnen mit ihrer unsachlichen Kritik, so dass ich mich nur wundern kann, ob die oft seltsamen und wirren Meinungsäußerungen zu Büchern die Verkaufszahlen beeinflussen: Eigentlich wollte ich von meinem spannenden Leben, das viel interessanter ist, erzählen, aber dann habe ich über den Tellerrand des grauen Buchs geschaut und mein Mann ist deswegen verhungert, obwohl die Pornografie unerträglich war, habe ich es trotz seiner langweiligen 594 Seiten schnell zu Ende gelesen und bin jetzt noch mehr gegen Drogen.

Ich liebe Kritiken, aber letztlich muss ich ein Buch selbst (an)gelesen haben, um dazu eine eigene Meinung zu entwickeln.