Die Alpen – Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

Werner Bätzing
Die Alpen: Das Verschwinden einer Kulturlandschaft
wbg Theiss 2018, 215 S., zahlr. farbige Abb. und Farbfotos
ISBN 978-3-8062-3779-5

Die Alpen glühen, weil der Hut brennt

Die Alpen sind nicht unzerstörbar. Die grandiose Kulisse des Kettengebirges mag ja eine solide Barriere bilden, sie ist dennoch ein empfindlicher Natur- und Kulturraum. Nicht zuletzt sind die Alpen ein – im wahren Sinne des Wortes – massiver Wirtschaftsfaktor. Bodenschätze lockten die ersten Siedler, sie hatten bäuerliche Erfahrung im Gepäck und Tiere im Schlepptau. Sogar diese frühen Eingriffe haben dauerhafte Spuren in der alpinen Landschaft hinterlassen. Viele Narben sind seither dazugekommen. Der alpine Naturraum wurde ab dem ersten Eindringen des Menschen langsam aber sukzessive einer Bewirtschaftung und Ausbeutung der Ressourcen zugeführt. Inzwischen gehört diese ursprüngliche Form der alpinen Agrargesellschaft der Vergangenheit an. Ab dem 19. Jahrhundert wurden die Alpen zum touristischen Zielgebiet. Seither haben sich die alpinen Regionen zu den am besten erschlossenen der Welt entwickelt und locken Millionen Menschen an. Die Alpen verwandelten sich zum größten Freizeitpark.

Der Wert der Alpen

Der Kulturgeograph und „Alpenpapst“ Werner Brätzing legt eine umfassend textlich und fotografisch überarbeitete Neuauflage seines 2005 erschienen Buches vor. Seit der Erstauflage haben sich viele Faktoren verändert – „weiterentwickelt“ wäre in diesem Fall wohl ein ganz und gar unpassendes Wort. Er unterzieht die Alpen einer minutiösen Betrachtung – und das seit mehr als 40 Jahren.

In fünf Kapiteln wird die Faszination, die die Alpen erzeugen, den LeserInnen nähergebracht. In zahlreichen Bildern und in fesselnden Texten, wird ein etwas anderes Bild der Alpen vermittelt. Er stellt die aktuelle Situation und die heutigen Probleme der Alpen dar: Lebens- und Wirtschaftsraum sowie  Kulturlandschaft einerseits und andererseits die Folgen von Tourismus, Industrie, Städtewachstum, Verkehr und Rückgang der Berglandwirtschaft .

„Was sind die Alpen“ beschäftigt sich gleich zu Beginn mit den schrecklichen und den schönen Alpen sowie der Alpen als Freizeitpark.
„Die Natur der Alpen“ wird umfassend dargestellt. Beginnend mit dem Hochgebirge, über die Großlandschaften zu denen Wasser und Eis als Gestalter beitragen, werden auch die Funktion als Regenfänger und Wasserspeicher sowie Vegetation und die Naturdynamik beschrieben.
„Traditionelle Kulturlandschaften“ entstanden in einem nicht primär siedlungsfreundlichen Umfeld. Nach der Adaptierung boten sich dennoch zahlreiche Möglichkeiten in einer unverwechselbaren Umgebung. Aufgrund der Bewirtschaftung und des Bergbaus entwickelten sich kulturelle Schnittstellen.
„Die Modernisierung der Alpen“ im Sinne einer Industrialisierung und Einsetzens des Wirtschaftsfaktors Tourismus sowie Entstehung von Wachstumszentren sind nicht alle Aspekte, die die Modernisierung mit sich bringt. Naturschutz wird zum Schlüsselfaktor im Wasserspeicher Europas.
Der Blick auf die „Aktuelle Situation und Zukunft der Alpen“ beschließt den Band. Zentrale Interessen sind hier einerseits der Rückzug des Menschen aus den Randlagen sowie andererseits die Zersiedlung der Tallagen. Verwilderung der Kulturlandschaft, Klimawandel und Freizeitwirtschaft folgen auf dem Fuße. Die Bilanz, die gezogen wird, betrifft auch die Frage nach dem „Verschwinden der Alpen und ihre Zukunft“.
Weiterführende Literatur und Informationen bilden am Ende einen benutzerfreundlichen Ausklang. Die Innenseiten des Buchdeckels bieten zum Einstieg Übersichtskarte und Einteilung der Alpen.

Fazit

Der informative Band ist Pflichtlektüre für Alpenbegeisterte, Naturbewusste, Fotobesessene und Geographen. Der haptisch und optisch schöne Band besticht beim ersten Daumenkino zuerst durch sein Bildmaterial. Er wird somit der Schönheit der Alpen gerecht. Das soll und muss so sein, es war auch nicht anders zu erwarten. Was nicht zu erwarten ist – daher besonders erfreut -, dass jedes Bild, jedes Foto zum genaueren Hinsehen und zum Analysieren anregt. Nicht selbstverständlich ist, aber für den Autoren Bätzing typisch, dass der informationsreiche Text zugleich eine wundervolle Lektüre ist. Lesenswerte Bildbände sind selten, um so mehr freut es, so kurzweilig auf den neuesten Stand gebracht zu werden. Ein kritischer Blick ist umso wirksamer, je schöner er dargeboten wird. Die Neuauflage schafft es spielend, das Alpenglühen zu bewundern, ohne zu vergessen, dass der schönen Kulisse der Hut brennt.