Lotze Luise

Eine Brosche – eine Geschichte

Diese Fotobrosche ist über 100 Jahre alt. Sie gehörte meiner Urgroßmutter mütterlicherseits. Es dürfte ihr Verlobungs- oder Hochzeitsgeschenk gewesen sein. Sie hieß Luise Jost (1885-1961) und war Hebamme. 1906 heiratete sie den Schneider Johannes Friedrich Link (1875-1916). Die Zeiten waren schlecht und der gelernte Schneider musste in einer Anilinfabrik arbeiten. Die Arbeitsbedingungen müssen extrem ungesund gewesen sein. 1913 wurde er zur Kur geschickt. Viel hat sie nicht geholfen, denn bereits 1916 erlag er einem Krebsleiden.

Das Paar hatte sechs Kinder, zwei von ihnen verloren sie im Kleinkindalter. Als der jüngste Sohn Nikolaus beerdigt worden war, sagte Johannes zu Luise: „Räume das gute Porzellan nicht weg, du wirst es bald wieder brauchen.“ Nur zwei Wochen später folgte er seinem Sohn.

Frauenarmut und Altersarmut

Viele nannten meine Urgroßmutter Lotze-Louise. Ein Spitzname nach dem Lotze-Haus in dem sie wohnte. Mit nur 31 Jahren wurde sie Witwe. Ihre vier Kinder waren damals zwischen 5 und 9 Jahre alt. Sie blieb unverheiratet und kämpfte als alleinerziehende Mutter lebenslang mit bitterer Armut. Ihr geringes Einkommen und eine winzige Landwirtschaft waren zum Leben eigentlich zu wenig. Die Butter musste sie verkaufen, für die Kinder blieben nur wenige Kartoffeln und Salz. Der Bürgermeister des Dorfes lehnte Ihr Ansuchen um finanziellen Beistand ab. Dieses bittere Unrecht, ihr die schmale Rente zu verweigern, hat sie dem Bürgermeister nie vergeben. Ihre vier Kinder Adam, Georg, Maria und Katharina unterstützten ihrer Mutter, sobald sie selbst eigenes Geld verdienten. Luise selbst aber erhielt ihr erstes eigenes Geld, ihre rechtmäßige Rente, erst im hohen Alter. Ihre Schwiegertochter scheint dafür gesorgt zu haben. Es war ihre größte Freude, zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben über eigenes Geld zu verfügen!

Ich kannte Urgroßmutter Luise nicht, sie starb sechs Monate nach meiner Geburt. Aber ich liebe die Geschichten, die mir meine Mutter von ihr erzählt, und ich liebe diese Brosche. Ich trage die Brosche häufig und oft fragen Leute, ob ich die Personen auf den Foto kenne. Ich mag diese Fragen genauso wie die Brosche selbst – sie halten Erinnerungen, die Geschichten und letztlich die Menschen lebendig. Familiengeschichte und Familienforschung müssen nicht langweilig sein. Es lohnt sich Erbstücke – egal wie bescheiden sie sein mögen – genauer zu betrachten und zu hinterfragen.