Porzellankabarett

Je Gold desto Blender

Historismus – die große Zeit der verschnörkelten Staubfänger für das zu Geld gekommene Bürgertum. Die Industriellen und Hoflieferanten waren bereits gut etabliert, aber viele Eigner von kleineren Manufakturen – nicht nur in den Städten – bekamen auch ein kleines Stück vom großen Kuchen ab. Kuchen, die während des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf Kosten des wachsenden und mehr und mehr verarmenden Proletariats gebacken wurden. Manche Objekte zeigen deutlich, wer auffällig dazugehören wollte und wie das bewerkstelligt werden sollte. Dass mit Geld nicht jede soziale und bildungsrelevante Lücke geschlossen werden kann, wird auch in internationalen weißen Häusern der Macht deutlich sichtbar. Der fetteste Hecht im Teich hält sich bedeckt und aus einem hühnerhirnigen Pfau wird nie ein Weißkopfseeadler.

Protziger Staubfänger

Ich habe am sonntäglichen Flohmarkt des Wiener Tierschutzvereins ein protziges Objekt gekauft. Es muss dem aufstrebenden Unternehmer von einst als herrschaftliche Pracht erschienen sein. Die Porzellanmonstrosität stand Sonntag für Sonntag im Regal des Flohmarkts. Verständlicherweise wollte niemand dieses gigantische Stück schlechten Geschmacks daheim stehen haben, und genau deshalb habe ich es gekauft! Schließlich hat das Tierheim viele Futternäpfe zu füllen. Seit ich dieses Porzellanschüsselchengriffschalendingerlingens nach Hause gebracht habe, ist absolut jeder darüber schockiert. Ich serviere manchmal Kekse und Pralinen darin. Niemand möchte etwas aus den vier Schalen nehmen. Vielleicht ist das so, weil je mehr von dem Objekt genommen wird, desto mehr wird von dem Objekt selbst sichtbar.

Dabei hat es so eine schöne Geschichte! Es wurde 1896, vielleicht in Schlesien oder Böhmen hergestellt. Diese Stücke waren zumeist rein weiß und schmucklos. Sie wurden erst nach den Wünschen des Kunden fertiggestellt. Ich stelle mir immer ein neureiches Paar mit mehr Geld als Geschmack vor:

„Schatzerl, lass uns etwas Edles für Mutter kaufen!

„Ein Porzellankabarett wäre schön. Sie könnte der Nachbarin Süßigkeiten servieren.“

„Aber wir müssen Rosen hinzufügen. Sie liebt Rosen!“

„Ein bisserl Gold wäre schön. Es soll ja was gleich schauen!“

„Weißt du, Girlanden sind grade sehr modern.“

„Viele Blumen müssen, wie beim Kaiser dazu, weniger wäre schäbig.“

„Eine goldene Muschel unter dem Griff und der Nachbarin fallen die Augen aus dem Kopf!“

Am Ende bestellte das Paar alle verfügbaren Muster, Gold und mehr Gold und natürlich jede verfügbare Blume und Schnörkel. Schließlich soll die Pracht deutlich belegen, was man sich alles leisten kann. Auffallen um jeden Preis – auch um den Preis des guten Geschmacks.

Konversationsstück

Ich denke, es ist so hässlich, dass es schon wieder schön ist – die Augen werden hoffentlich keinen Schaden nehmen. Ich liebe es, weil es ein grandioses Konversationsstück ist. Der moderne Minimalismus trägt nicht zu Tischgesprächen bei …

Mein Vater hat es sofort vom Tisch entfernt. Meine Mutter schluckte heftig und fragte, welcher Teufel mich geritten hätte. Mein Mann ist geduldig und versucht regelmäßig zu atmen. Meine Tochter ist froh, dass sie bereits ausgezogen ist. Das gute Stück ist übrigens fünf Jahre jünger als meine Großmutter, wenn sie noch am Leben wäre! Ich bin überzeugt, meine Großmutter hätte so etwas Peinliches niemals auf ihren Tisch gestellt. Sie hätte es als ordinär bezeichnet, es in eine Kiste geräumt oder absichtlich fallen lassen. Mal sehen, ob ich etwas noch Schockierenderes finden kann, damit die Familie nicht lethargisch wird.