Von Rezensionen und RezensentInnen

Wie beim Essen

Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist.
Wenn Klasse nicht erkannt wird, liegt es an der fehlenden Bewertungsfähigkeit.
Wer nur Würsteln kennt, kann nur Würsteln vergleichen. Eine solide Grundlage für einen objektiven Vergleich.
Wer Klasse hat, urteilt nicht über Würsteln, wenn er Würsteln hasst. Mit subjektiver Ablehnung wird ein objektiver Vergleich nur sehr schwer möglich sein.

So scheint es mir auch um die Rezensionskultur bestellt.

Wenn’s persönlich wird

Personalkritik – in diesem Fall Beurteilung der Rezensenten – bedeutet, sich zu überlegen, warum jemand einen Verriss schreibt. Es macht Mühe, es kostet Zeit und man kann sich gewaltig in die Nesseln setzen.
Wenn ein Buch tatsächlich so grottenschlecht ist, liest man es nicht (zu Ende) und schickt das Rezensionsexemplar zum Wohle des Verlages, der haushalten muss, und des Autors, der zufrieden bleibt, retour. Man isst ja schließlich weder ein faules Ei auf noch müllt man seine Bibliothek zu.

Was bleiben also für Gründe übrig? Selbstdarstellung, Groupie(un)wesen, Wichtigtuerei und Auch-mitreden-wollen sind sicher einige davon – wenn lancierte Besprechungen ausgeschlossen werden dürfen.
Schlechte Kritiken können Bücher zum Bestseller machen oder einstampfen, bevor die Druckerschwärze trocken ist. Und manchmal kann man nicht einmal mehr ausmachen, wie eins zum anderen führte. Es stellt sich wohl eher die Frage: Kann man die Wirkung einzelner Kritiken abschätzen – abgesehen von der verheerenden Wirkung auf die AutorInnen?

Textlich diskreditieren sich ja manche „schreibende LeserInnen“ ins Unermessliche und relativieren zugleich inhaltlich:

Eigentlich wollte ich von meinem spannenden Leben, das viel interessanter ist, erzählen, aber dann habe ich über den Tellerrand des grauen Buchs geschaut und mein Mann ist deswegen verhungert, obwohl die Pornografie unerträglich war, habe ich es trotz seiner langweiligen 594 Seiten schnell zu Ende gelesen und bin jetzt noch mehr gegen Drogen.

Halten solche Meinungsäußerungen tatsächlich alle/viele potenzielle KäuferInnen ab oder nur den niveaugleichen Freundeskreis der Schreibenden? Sicher ist, dass der im Rezensionsdschungel auffindbare Stilblütenstrauß zumindest Unterhaltungswert besitzt.

Ich versuche immer zu ergründen, warum LiteraturkritikerInnen sprachlich entgleisen. Warum sie einen totalen Verriss schreiben. Ist das notwendig? Muss die Welt gewarnt werden? Wäre das Schweigen einer Größe der Zunft nicht wesentlich effektvoller?

Fazit

Kritiken haben ich bisher weder postiv noch negativ beeinflusst, weder mehr noch weniger neugierig gemacht. Es ist also fraglich, ob sie wirklich Leitlinien sind. Ja, aber für etzwas völlig anderes. Die Kritik an sich ist immer ein äußerst spannender Lesestoff of sogar ein literarisches Meisterwerk. Insbesondere üble Verrisse animieren mich, mehr über die LiteraturkritikerInnen wissen zu wollen. Vielleicht ist das sogar die Absicht, die die VerfasserInnen bewusst oder unterbewusst verfolgen.

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