Ohne Input kein Output

08. November 2014
Grube Messel: Warten auf die Führung

Grube Messel: Warten auf die Führung

Lang, kurz, nah und fern

Als Sabine Olschner die Frage stellte “Was bedeutet für dich Fernweh” und eine Blogparade (30. November 2014) ausschrieb, hätte ich am liebsten sofort meine Koffer (Plural) gepackt. Reiseziel: egal. Transportmittel: Auto. Termin: sofort.

Barsch in Šibenik

Barsch in Šibenik

Fernweh und Heimweh gehören für mich zusammen. Reisen ist der multisensorische Supergau. Der Geruch des Landes, der Geschmack des Essens, der Klang des Lebensraums, das Unvertraute zu fühlen und das permanente Prickeln, was es wohl hinter der nächsten Ecke zu entdecken gibt, ist für mich Lebenselixier.

Und genau das ist des Pudels Kern, denn es sind nicht Unzufriedenheit oder Erholungsbedarf, die mein Fernweh schüren, sondern die Möglichkeit etwas überraschend  zu finden, was ich zuvor gar nicht gesucht oder vermisst habe. Mein Mephisto ist kein Pudel, sondern ein Terrier, der mich bei der Neugier, der Entdeckerlust und der Naschsucht packt und nicht mehr loslässt.

Ohne Input kein Output

Schlacken am Strand von Populonia

Schlacken am Strand von Populonia

Böse Zungen behaupten, ein Urlaub mit mir wäre wie eine Dienstreise, bei der der Menschengrill am Strand gestrichen ist. Stimmt! Nach einer Viertelstunde ist mir derartig langweilig, dass ich anfange Bernstein zu suchen (Usedom), archäologische Aufschlüsse in der Böschung inspiziere (Populonia) oder versuche das Ende des Strandes (Brighton) zu entdecken - es soll ja auch Leute geben, die das Ende des Regenbogens gefunden haben. Fernweh hat also für nichts mit an einem Ort rumgammeln zu tun. Es hat auch nichts mit Sport im Sinne von “heute 100 km mit dem Rad geschafft” zu tun.

Wandern nur mit Ziel: Oppidum Stradonice

Wandern mit Ziel: Oppidum Stradonice

Wandern kann mir ebenso gestohlen bleiben, solange nur der Weg das Ziel ist und nicht ein interessantes (anderweitig unerreichbares) Ziel in Aussicht gestellt ist. Ich möchte Land und Leute kennenlernen, ihre Kultur mit allen Sinnen “be”-greifen. Das ist es auch, was ich aus der Ferne mitnehmen möchte: Kultureller Mehrwert und Vielfalt, die mich bereichern. Davon kann ich persönlich und somit auch beruflich zehren: Wenn die Orte nicht zum Schreibtisch kommen, muss der Schreibtisch sich zu den Orten bewegen.

Dass die gesammelten Erinnerungen nicht nur im Kopf gespeichert werden, sondern auch immenses Gewicht annehmen können, macht ein Auto unerlässlich. Für den Flintstein von der Ostsee, der für diverse archäologische Projekte genutzt wurde, hätte ich vermutlich ein eigenes Flugzeug chartern müssen.

Vatikan: Das Auto parkt drei Bastionen weiter.

Vatikan: Das Auto parkt drei Bastionen weiter.

Fotos, Kuriositäten und Kulinaria wie der Kirschlikör von Marinka Jeleč aus Zadar, um nur ein Beispiel zu nennen, sind abgepacktes Heimweh nach der Ferne. Die Erinnerungen selbst sind Kopfkino mit einem Programm, das vom archäologischen/biologischen Dokumentarfilm bis zur Dramödie reicht. Unbezahlbare private Blockbuster und Ressourcen, die man beruflich nutzen kann.

Wohin soll die Reise noch gehen?

Asien in Zürich

Asien in Zürich

Keinesfalls immer und immer wieder an denselben Ort, dann ist das keine Fernreise mehr, sondern eine Heimreise. Das kenne ich aus meiner Kindheit. Das endete damit, dass meine Eltern von Deutschland nach Österreich gezogen sind. Mit anderen Worten: Ich fahre dort seit anno Pocahontas - und noch immer - hin und in Wien lebe ich außerdem. Es darf also bitte ein bisschen weiter weg sein. Also nicht unbedingt die diversen Monarchiestädte wie Prag, Budapest, Krakau, um nur einige zu nennen,  die ich nach und nach besucht habe.

Nein, ein großer Wunsch wäre es, quer durch Russland mit dem Auto nach Vladiwostok zu fahren, um von dort mit dem Schiff nach Japan überzusetzen - ein Abstecher zu Erika Strobl und Kazufumi Matsunaga nach Osaka wäre großartig. Aber bisher haben alle mit angstgeweiteten Augen die Mitfahrt verweigert. Quer durch die USA und Kanada stünden auch noch auf der Wunschliste. Warum diesbezüglich niemand Angst hat, ist mir ein Rätsel, da ich etliche Bekannte habe, die dort in einen Mündungslauf geblickt haben.

Ehrengrab Ida Pfeifer am Wiener Zentralfreidhof

Ehrengrab Ida Pfeifer am Wiener Zentralfriedhof

Egal, ich muss nicht in das Ende der Welt fahren, um glücklich Erinnerungen anzuhäufen. Da es immer auch die Flohmärkte sind, die mich anziehen, sind Paris und London (zuletzt 1979!) natürlich auf der ewigen Wunschliste. Sobald es Sehenswürdigkeiten, Museen, Zoos, Aquarien und interessante Friedhöfe - ja auch das reizt mich - in erreichbarer Nähe gibt, sind auch Aufenthalte in ländlicher Umgebung genehm. Und wenn man dann noch im schönsten Antiquitätenladen von Aquasparta eine gemütliche Stunde mit der Besitzerin Gabriella Badinelli verplauscht, dann ist das Leben perfekt.

Warum war ich nicht dort?

Kreta total: 960 km in einer Woche

Kreta total: 960 km in einer Woche

Gute Frage. Einerseits liegt’s an der Flugangst, andererseits an diversen Hindernissen, die eben keine Ausrede - wie manche glauben -, sondern blanke Realität sind. Geld wächst nicht auf Bäumen und auf der Straße liegt es auch nicht herum.

Alleine zu reisen, ist die volle Miete und der halbe Spaß, wie ich von meinen Freundinnen weiß. Dass es mit dem gemeinsamen Reisen nicht immer geklappt hat, liegt daran, dass ich zuweilen daheim mehr gebraucht wurde und werde, als ich selbst die Ferne suche. Abgesehen davon war ich bis zum 2. Oktober 2014, die Einzige mit einem Führerschein, ob ich jetzt auf Töchting als zweite Lenkerin zählen kann, wird sich zeigen, wenn wir mit einer Skandinavientour, Finnlandreise oder den schon lange angedachten Trip in die Bretagne locken.

In eigener Sache

Von Ihren Reisen haben Sie viele Fotos und Erinnerungen mitgebracht? Sie wollen darüber schreiben und wissen nicht wie? Gerne helfe ich Ihnen und/oder schreibe für Sie.

© Sistlau

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