Über Fremdsprachen und fremde Sprachen

11. Juni 2013

Fremd ist, was nicht dazugehört.

Fremd ist, was nicht dazugehört.

3. Blogparade

Das Jahr der Blogparaden geht weiter. Zuerst äußerte ich mich in Berufsbezeichnung für Schubladendenker zur Frage von Wibke Ladwig Und was machen Sie so beruflich.

Danach folgte mein Beitrag One Woman Show vs Stand-up Comedy zu Annette Schwindts Frage nach Profil oder Seite - oder beides? (Blogparade für Einzelkämpfer) bezüglich der Trennung von privatem und beruflichem Auftritt im Social Web.

Die aktuelle Blogparade “Fremdsprachen lernen” von Ricarda Essrich bot erneut Denk- und Schreibanstoß, um Aspekte zum Themenkreis  Fremdsprache - fremde Sprachen - Kommunikation beizutragen.

Die Fremdsprache

Die Sprache, die man während der Kindheit als erste Sprache lernt, wird Muttersprache genannt. Dabei ist es egal, ob die Mutter jene Sprache vermittelt mit der sie aufwuchs oder ob der Vater der Hauptvermittler der Erstsprache des Kindes ist. Jede weitere Sprache wird als Fremdsprache bezeichnet. Seltsam, da manche Kinder in mehrsprachigen Haushalten groß werden, gleichwertige sprachliche Kompetenzen erwerben und dennoch zwischen Erst- und Zweitsprache unterschieden wird.

Je größer die Affinität der Eltern zu Bildung und je internationaler die elterlichen Verbindungen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder mehrsprachig aufwachsen. In mehrsprachigen Haushalten Aufgewachsene sind zu beneiden. Es ist eine in viele Bereiche übergreifende Befähigung, die man später kaum noch in diesem Umfang erwerben kann. Etliche meiner Jugendfreundinnen sprechen sowohl Deutsch als auch Burgenlandkroatisch und/oder Ungarisch. Mich fraß bereits als Grundschulkind der Neid. Ich verstand nicht, warum sie selbst ihre Sprachkompetenzen gering schätzten, wo ich doch so begierig war, einige Wörter von ihnen zu lernen. Politische Entscheidungen erschließen sich Kindern nicht, sie werden aber deren Opfer. Wer mit sprachbezogener Geringschätzung aufwächst, weiterführende schulische Zweitsprachenausbildung verwehrt wird, ohne selbst die dahintersteckenden politischen, nationalen Absichten zu erkennen, kann später vom Propagandaopfer sogar zum Mittäter werden oder im besseren Fall zum Aktivisten. Der ehemalige Vielvölkerstaat Österreich hat seinen diversen Minderheiten ihre Zweisprachigkeit nie leicht gemacht.

Wortwahl macht die Muttersprache fremd.

Wortwahl macht die Muttersprache fremd.

Die fremde Sprache

Ich wurde mit zwei verschiedenen Deutschvarianten groß. Die breite hessische Muttersprache mit ihren französischen Lehnwörtern und die ostfälische Vatersprache mit ihren winzigen Prisen Platt führten zu einem elterlichen Kompromiss: Hochdeutsch. Die Besonderheiten des Süddeutschen lernte ich erst während des Studiums in Wien kennen. Damals wurde mir erstmals bewusst, dass auch die Muttersprache zu einer fremden Sprache werden kann. Meine Tochter wuchs zweisprachig auf: Deutsch und Österreichisch (Wienerisch). Das hatte zur Folge, dass ihr Migrationshintergrund bei Deutschaufsätzen bzgl. Syntax und Verbformen auffiel. Mich hatte man nicht (mehr) für eine Deutsche gehalten, aber meine Tochter war “sprachlich auffällig geworden”. Muttersprache lässt sich also doch nie ganz verleugnen. Weder die Vatersprache noch das Aufwachsen im landestypischen Sprachumfeld macht einen Menschen automatisch zum native speaker.

Da ich ein humanistisches Gymnasium besuchte, lernte ich ab der Sexta zuerst Latein. Ab der Quarta kam Englisch als zweite Fremdsprache dazu und zuletzt in der Untertertia Altgriechisch. Allerdings hielt ich nur Latein bis zum Großen Latinum in der Unterprima und Griechisch über das Graecum hinaus bis zum Abitur die Treue.

Sprache ist nur so lebendig, wie sie vermittelt wird. Es spricht für einen exzellenten und zwei gute Lehrer, dass die beiden “toten Sprachen” lebendiger für mich waren als die Weltverkehrssprache Englisch. Ich verlor den Anschluss bereits in dem Moment, als die Lehrerin hereinkam und mich auf Englisch ansprach. Ich habe wochenlang nicht gewusst, was sie von mir wollte. Es gab keine klaren Instruktionen, keine nachvollziehbaren Strukturen und vor allem keinen kulturellen Querbezug. Ich war eindeutig zu alt und zu nachhaltig vom Lateinunterricht geprägt, um von einer “muttersprachlichen” Methode zu profitieren. Meine Englischlehrer wechselten in so rascher Folge, dass ich mich tatsächlich nur noch an vier von diesen aufgrund ihrer besonders seltsamen Methoden erinnern kann. Kaum verwunderlich, dass Englisch für mich eine äußerst tote, völlig fremde und komplett ungeliebte Sprache blieb. Es hat eine Ewigkeit, meine Tochter und unzählbare Spielfilme, TV-Serien und Bücher gebraucht, die traumatischen Schuldefizite - inklusive ein “nicht genügend” im Zeugnis - auszugleichen. Tatsächlich bin ich heute richtig gut, fast brillant, aber nicht, wenn es um das Sprechen geht. Das mag an mangelnder Gelegenheit liegen, aber mehr noch glaube ich, dass mich der katastrophale Schulunterricht mundtot gemacht hat. Wer mich kennt, weiß, dass “mundtot” in Bezug auf meine Person kaum vorstellbar ist, aber es ist so. Der Englischunterricht war eine Meisterleistung an Inkompetenz, der sogar die Aussprache betraf. Kein Wunder, dass ich bei einem Sprachaufenthalt in England gefragt wurde, ob ich in Schottland gelernt hätte und tatsächlich nur Schotten richtig verstand.

Sobald zu viele Faktoren im Kommunikationsprozess fehlen, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert.

Sobald zu viele Faktoren im Kommunikationsprozess fehlen, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert.

Kommunikation ist mehr als nur Sprache

Sprache ist nur ein Bestandteil von Kommunikation. Was wir einander mitteilen wollen, findet nicht nur auf der verbalen Ebene statt. Es ist ein multisensorischer und komplexer Prozess, der auch Kulturelles einbezieht. Sobald zu viele Faktoren im Kommunikationsprozess fehlen, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Ein Gespräch ohne Berührung (Hände schütteln), visuelle (Körpersprache), olfaktorische (Pheromone) und akustische (Modulation) Komponenten ist wesentlich schwerer zu führen. Es ist schon erstaunlich, was der Augengruß (Heben der Brauen), eine höfliche Berührung und sensible Stimmführung für den Ausgang eines Gespräch bedeuten können. Und sogar der Geruch ist bedeutsam. Er ist sogar mit “die Person kann ich nicht riechen” und “der Typ liegt mir quer vor der Nase” sprichwörtlich geworden. So betrachtet wird verständlich, warum Menschen mit geringen sprachlichen Kompetenzen trotzdem zu guter Kommuniklation befähigt sein können. Sie spielen einfach ihre anderen Stärken aus.

Um ALLE Menschen zu erreichen, braucht man die jeweils richtigen Sprachkomponenten.

Weil Kommunikation für mich mehr ist als nur das - hoffentlich sinnstiftende - Aneinanderreihen von Lautfolgen, habe ich mich in der Sprache spezialisiert, die ich tatsächlich vollinhaltlich lebe: Deutsch. Deutsch ist - ganz unabhängig von den jeweiligen Besonderheiten beidseits des Weißwurstäquators - eben nicht gleich Deutsch. Sprache ist zielgruppenspezifisch. Sprache, die gehörlose und sehbeeinträchtigte bzw. blinde Menschen vollinhaltliche erreichen soll, muss auf deren sensorischen Fähigkeiten und Anforderungen abgestimmt werden. Menschen mit Lernschwierigkeiten haben andere und umfassendere Bedürfnisse und ihre Ansprüche an Sprache sind erstaunlich hoch. Letztlich ist eben nichts schwer wie Leichtigkeit.

Es gibt daher eine Sprache und eine Schrift, die ich gerne lernen würde. Gebärdensprache, seit 2005 gesetzlich verankerte Minderheitensprache in Österreich, steht ganz oben auf meiner Liste. Ich möchte nicht nur für gehörlose Menschen schreiben, sondern auch mit ihnen visuell kommunizieren können. Da es Kurse gibt, sollte das wohl möglich werden. Die Blindenschrift bzw. Brailleschrift tatsächlich nur mit den Fingern lesen zu können, könnte ein Wunschtraum von mir bleiben, wenn meine Tastfähigkeiten nicht ausreichen. Ich werde beim Blindenverband wegen eines Braillekurses vorfühlen.

In eigener Sache

Sie wollen ALLE Menschen erreichen? Verzweifeln Sie nicht an Sprachbarrieren. Leichte Texte sind schwer zu schreiben. Mich zu beauftragen, ist einfacher.

© Sistlau