Schreiben für NÖLA 2019

Inklusives Design dient ALLEN BesucherInnen

In Kürze öffnet die Niederösterreichische Landesausstellung 2019 in Wiener Neustadt ihre Pforten. Von 30. März bis 10. November ist das zentrale Thema „Welt in Bewegung“ an zwei Standorten: Kasematten und Museum St. Peter an der Sperr.

Ochsen-Joch Barrierefreiheit ist selbstverständlich

Zwei Jahre lang wurde die Ausstellung vorbereitet. Im Endspurt werden die Ausstellungselemente eingepasst, die einen barrierefreien Zugang ermöglichen: Orientierungsstationen, Aufmerksamkeitsfelder am Boden, multisensorische Angebote zum Hören, Sehen, Riechen und Tasten. Dazu gehören leicht lesbare und inhaltlich leicht verständliche Texte ebenso wie Zuspielungen in Gebärdensprache und umfassende Audiodeskription mit zusätzlicher Raumorientierung.

QR-Code der Museumslösung i+Dr. Doris Prenn, Spezialistin für barrierefreies Design, entwickelte auch für die Niederösterreichische Landesausstellung 2019 die inklusive Leitlinie mit barrierefreien Ausstellungselementen. Zum Einsatz kommen dabei zentrale Angebote der inklusiven Museumslösung i+, die 2018 mit dem Österreichischen Inklusionspreis ausgezeichnet wurde.

Mit der zugehörigen Audiodeskription und Raumorientierung sowie dem Schreiben leicht lesbarer und leicht verständlicher Texte in verschiedenen Leichtigkeitsgraden wurde ich beauftragt. Ich freue mich, wieder einen Beitrag zur inklusiven inhaltlichen Zugänglichkeit leisten zu dürfen.

Steigerungsfähig?

Es gibt Grenzen

Adjektive können über den Komperativ bis zum Superlativ gesteigert werden. Theoretisch ganz einfach, praktisch ein einziger begrabener Hund.

Manche Adjektive sind regelmäßig, andere unregelmäßig, manche nur mäßig und wieder andere gar nicht zu steigern. Mal abgesehen davon, ist in der Werbung sowieso alles anders.

Regelmäßig

Hier ein regelmäßig zu steigerndes Adjektiv:

  • fleißig,
  • fleißiger,
  • am fleißigsten.

Unregelmäßig

Und nun ein Unregelmäßiges:

  • gerne,
  • lieber,
  • am liebsten.

Verstörend bei manchen …

Mäßig wird es z. B. bei diesem:

  • hinterer,
  • hintersten,
  • eine gedanklich naheliegende Steigerung unterbleibt aus korrekten Gründen.

Wenn es um Absolute geht, müsste man es überhaupt lassen:

  • tot
  • töter
  • am tötesten.

Das hat höchstens Komödienpotenzial. Außerdem ist am rundesten oder am blauesten ebenso unmöglich, wenn es sich nicht grade um persönliche Befindlichkeiten handelt.

… und in der Werbung

Was man werbungsmäßig – zumindest in Österreich – nicht aus dem Kopf bekommt, ist eine Steigerung der besonderen Art:

  • gut,
  • besser,
  • Gösser.

Da kann man nur noch Prost sagen!

In eigener Sache

Als Lektorin finde ich die töteste Leiche auch in Ihrem allerhintersten Satz.

Fremdwort – initial

Bitte übersetzen!

Benützen Sie Fremdwörter nur dann, wenn sie unvermeidlich sind. Die Allgemeinheit versteht erstens das Fremdwort und zweitens Sie nicht.

Egal ob Initialzündung oder Initialprojekt – alles passiert irgendwann erstmals. Aber es klingt natürlich viel gewichtiger, erprobter mit initial. Es ist als ob der vergrößerte und verzierte erste Buchstabe, das Initial, die Qualität des ganzen Kapitels garantieren würde. Ein Initialprojekt, klingt besser als „erstes Projekt“. Wer vertraut schon einem Erstprojekt, dem Prototyp, dem ersten Modell, dem Anfänger?  Initialprojekt klingt nach Beta-Version. Dass dies nur eine Testversion und nicht das Release ist, wissen auch nicht alle. Der Initialschnörke ist ein Ablenkungsmanöver und eine Worthülse aus der Steinzeit der Förderungsformulare.

Platz, Ring, Straße, Zeile, Gasse, Stiege, Steg und Weg

Stolperstein Straßenname

Überraschend genug, dass es Leute gibt, die ihre eigene Adresse nicht richtig schreiben können. Bedauerlicher, dass auch jene straucheln, die für private und staatliche Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen die Textverantwortung übernehmen. Am schlimmsten ist, dass auch in behördlichen Schriftstücken Straßenbezeichnungen oft falsch geschrieben werden. Damit ist der Fehler amtlich und es bleibt bei Kurzegasse statt Kurze Gasse. Dabei ist es so einfach.

Großschreibung

Das ersten Wort wird immer großgeschrieben: Am Graben, Neuer Markt. Alle anderen Wörter ebenso, wenn es sich nicht um einen Artikel handelt: An der Goldenen Stiege.

Zusammensetzungen

Kaiserstraße und Bahnzeile sind zusammengesetzte Straßennamen, daher werden sie auch zusammengeschrieben. Übrigens ist die Wiener Kaiserstraße (ab 1760 Kaiserweg, benannt nach Josef II. [1741-1790]) keine Rotlichtmeile wie in Frankfurt. Wer sich für die historischen Hintergründe der Wiener Straßennamen interessiert, dem sei das online abrufbare Historische Straßenlexikon empfohlen.

Geografie …

… abgeleitet auf -„er“

Straßennamen, die auf „- er“ enden, werden getrennt geschrieben, wenn sie von Orten oder Ländern abgeleitet werden: Triester Straße (Fernhandelsverbindung von Wien Richtung Süden, Teil der heutigen Bundesstraße 17). Die berühmte Wiener Kärntner Straße ist doppelbödig. Es handelt sich einerseits um die Ortsbezeichnung Kärnten und andererseits um den ehemaligen Karner (Ossarium, Beinhaus) beim Stephansdom. Hier wurde ähnlich Klingendes miteinander verschmolzen und einem Bedeutungswandel unterzogen. Nur ganz nebenbei: Der berühmteste Karner Österreichs mit rund 1200 Totenschädeln befindet sich in Hallstatt.
In der Schweiz ist es mal wieder wesentlich einfacher, es wird zusammengeschrieben: Winterthurerstrasse statt Winterthurer Straße.

… nicht abgeleitet

Nicht durch den geografischen Begriff irritieren lassen. Der Mexikoplatz im 2. Wiener Gemeindebezirk – Mexiko hat als einziges Land gegen den Anschluss Österreichs 1938 protestiert-, ist korrekt geschrieben. Er ist nämlich ist nicht abgeleitet, dann wäre er der holprig klingende Mexikoer Platz.

Mehrteilig

Mehrteilige Straßenbezeichnungen werden gekoppelt, wenn sie nach Personen benannt sind: Franz-Klein-Gasse, Josef-Meinrad-Platz, Margarete-Schütte-Lihotzky-Park.

Nicht durch das „-er“ irritieren lassen, Schopenhauerstraße ist korrekt, da der Familienname auf „-er“ endet und es sich nicht um eine Ableitung handelt.

In eigener Sache

Mein persönlicher Korrekturrekord liegt bei drei falschen Schreibweisen einer Straße auf der Kontaktseite einer bedeutenden österreichischen Marketingagentur. Das soll es zwar nicht, es aber kann eben doch passieren. Gerne kontrolliere und korrigiere ich auch Ihren Webauftritt.

Pariser ist kein Kondom

Austriazismen am Teller

Die meisten Deutschsprachigen sind keine Österreicher. Diesen sind Grundkenntisse österreichischer Lebensmittelbezeichnungen dringend empfohlen, sollten Sie in Österreich überraschungsfrei essen wollen. Denn Pariser ist eine Wurstsorte und kein Kondom! Seine Sie vorsichtig mit der Aussprache. Es heißt „Geselchtes“ und es wird nicht „Geseichtes“ ausgesprochen – letzteres wäre entsprechend derb übersetzt  „Gepisstes“.
Es ist auch empfehlenswert, um nicht herablassend belehrt zu werden, zu wissen, dass „a Obi is ka Baumarkt is. Des is an Opfelsoft“.

Übersteigerte Erwartungshaltungen, können dazu führen, dass man den berühmten kaiserlichen Tafelspitz zu laut als ausgekochtes Suppenfleisch mit matschigen Meerettichbrötchen – was der Leibarzt dereinst für den zahnlosen Uraltkaiser empfahl – bezeichnet. Natürlich stimmt es, es wird trotzdem übel aufgenommen, dem verdauungsfördenden Mahl des leidenden Monarchen nicht zu huldigen.  Die Sachertorte ist angeblich kein trockener Schokokuchen und die Hofreitschule sicher kein Ponyhof.

ABC einiger Kulinaria

Ashanti – Erdnuss
Ananas – Erdbeeren
Beiried – Roastbeef
Beuschel – Lungenhaschee
Blunze – Blutwurst
Brauner (großer | kleiner) – Mokka | Espresso mit Milch
Eitrige (ugs.) – Käsekrainer (Grillwurst)
deka | dag – Dekagramm (1 dag = 10 g)
Eierschwammerln – Pfifferlinge
Eierspeise – Rühreier
Erdapfel – Kartoffel
Faschiertes – Gehacktes
Fisolen – grüne Bohnen
Fleischlaberl – Bulette, Frikadelle
Germ – Hefe
Geselchtes – Kassler
Gespritzer – Weinschorle
Golatsche – mit süßem Quark gefülltes Blätterteiggebäck
Grammeln – Grieben
Gröst(e)l – Angebratenes (meist Karoffel, Zwiebel, Speck)
Herrenpilz – Steinpilz
Hörnchen – kleine, gebogene Röhrennudeln
Karfiol – Blumenkohl
Kipferl – Hörnchen
Kletze – Dörrbirne
Kletzenbrot – Früchtebrot
Kochsalat – Römersalat, Lattich
Kohl – Weißkohl, kann auch Wirsing gemeint sein
Knödel – Kloß, meist Semmelknödel
Kranawitt – Wacholder
Krapfen – Berliner, Kreppel
Kren – Meerrettich
Kriecherl – Mirabelle
Kukuruz – Mais
Kutteln – Pansen
Leberkäse – Fleischkäse
Löffelkäse – Frischkäse, Hüttenkäse
Marille – Aprikose
Maroni – Esskastanie
Melange – Kaffee mit aufgeschäumter Milch
Mokka – Espresso
Nockerln – Suppeneinlage aus Gries, Süßspeise
Obers – Sahne, Rahm
Palatschinke – dünner Pfannkuchen (gefüllt)
Paradeiser – Tomaten
Powidel – Pflaumenmus
Ribisel – Johannisbeeren
Rote Rübe – Rote Beete
Sauerrahm – saure Sahne
Scherzerl – Brotanschnitt, Knust, Knerzchen
Schupfnudeln – kurze, dicke Kartoffelteignudeln
Schwammerln – Pilze
Semmel – (Weizen-)Brötchen
Sprossenkohl | Kohlsprossen – Rosenkohl
Staubzucker – Puderzucker
Stelze – Eisbein
Sterz – Mehl-Schmalzgemisch, Polenta
Sturm – Federweißer, junger Wein
Tafelspitz – Fleischteilstück  bzw. das Gericht: ausgekochtes Suppenfleisch mit Semmel-/Apfelkren
Topfen – Quark
Umurke – Gurke
Verhackertes – Brotaufstrich aus Speck und Schmalz
Vogerlsalat – Feldsalat, Rapunzel
Weckerl – längliches (Mehrkorn-)Brötchen
Weichsel – Sauerkirsche
Zuckerl – Bonbon

In eigener Sache

Ich übersetze deutsches Deutsch in österreichisches Deutsch und auch  umgekehrt. Praxisnahe Ehrfahrungswerte sind vorhanden. Irritiert las ich „Rindfleisch mit Hörnchen“ auf einer Speisekarte – ich hielt Hörnchen für Kipferln statt für Nudeln.